Peter „Peter“ ist eine Produktion der amerikanischen Firma Universal, war allerdings niemals für den amerikanischen Markt bestimmt. Bis 1934 produziert und verleiht die Firma in Deutschland vor allem die Filme von Luis Trenker. „Der Rebell“ wurde von Propagandaminister Joseph Goebbels hochgelobt, ebenso erfolgreich war „SOS Eisberg“ mit Leni Riefenstahl. Der legendäre Carl Laemmle ist der Boss der Universal in den USA, in Europa führt sein Neffe und seine rechte Hand Max Friedland die Geschäfte. Am 1. April 1933, dem Tag des sogenannten Judenboykotts, wird Friedland auf dem Weg in sein Büro in der Berliner Mauerstraße verhaftet. Nach seiner Freilassung durch Intervention des amerikanischen Konsuls verlässt er mit seiner Familie Deutschland und leitet fortan aus Paris die europäischen Geschäfte der Universal.
Die Hauptdarstellerin von „Peter“, Franziska Gaal, ist Jüdin. 1932 wird ihr Film „Paprika“ in Deutschland ein großer Erfolg. Gaal wird über Nacht zum Star, in schneller Folge entstehen zwei weitere Filme, die ihre Popularität noch verstärken. Auch nach Hitlers Machtübernahme gelangen diese Filme problemlos in die deutschen Kinos. Zwei weitere Nachfolgeprojekte der Universal mit ihrem neuen Star Franziska Gaal werden vorsichtshalber in Wien gedreht: „Csibi, der Fratz“ und „Frühjahrsparade“. Sie passen sich so weit wie möglich den rassistischen Vorgaben der Nationalsozialisten an, das heißt, sie entstehen ohne Beteiligung jüdischer Künstler, mit der Ausnahme von Franziska Gaal. Auch diese Filme werden noch in Deutschland gestartet. „Frühjahrsparade“ ist dann allerdings der letzte Gaal-Film auf deutschen Leinwänden. Zum Zeitpunkt seiner Premiere hat die Universal ihre Aktivitäten in Deutschland bereits eingestellt.
Wie viele andere stehen nun auch die jüdischen Filmschaffenden mit dem Rücken zur Wand. Arbeit gibt es für sie in Deutschland nicht mehr. Die deutschsprachigen Filmproduktionen in Europa – in Österreich, Ungarn, der Tschechoslowakei und der Schweiz – sind vom deutschen Markt abhängig. Nur durch den Export in das Land mit seinen rund 188 Millionen Kinobesuchen pro Jahr besteht die Chance auf einen vernünftigen Gewinn. Seit den rassistischen Vorgaben der Nationalsozialisten für Filmproduktionen geraten die Produzenten der Nachbarländer immer stärker unter Druck: Sie passen sich an oder müssen aufgeben. Ausländische Filme, die in deutschen Kinos laufen sollen, müssen, meist durch interessierte Verleihfirmen, der nationalsozialistischen Filmzensur vorgelegt werden. Sie werden akzeptiert oder eben auch einfach abgelehnt. In Österreich existiert bis 1937 eine von Deutschland unabhängige Filmproduktion.
Joe Pasternak, Produktionsleiter bei der europäischen Universal, stellt für „Peter“ ein Team zusammen, in dem neben seiner damaligen Lebensgefährtin Franziska Gaal in fast allen wesentlichen Positionen deutsche, österreichische und ungarische jüdische Filmschaffende tätig sind. Dazu gehören die Darsteller Hans Jaray, Felix Bressart, Otto Wallburg, Sigurd Lohde, Hermann Krehan und Imre Raday. Das Drehbuch stammt von Felix Joachimson, die Musik von Nikolaus Brodsky, die Texte von Fritz Rotter. Viktor Gertler ist für den Schnitt verantwortlich, Gerhard Goldbaum für den Ton, Tihamer Varady für die Kostüme.
Das liest sich wie ein eindeutiges Signal in Richtung Deutschland – und „Peter“ ist damit fast ein Kamikazeprojekt. Obwohl die amerikanische Universal finanziell Rückendeckung gibt, muss der Film für die beteiligten Filmschaffenden unbedingt ein Erfolg werden. Zu viele Existenzen hängen davon ab, und das nächste Engagement ist mehr als ungewiss. „Peter“ wird dann tatsächlich zum ersten wirklich erfolgreichen Film des sogenannten „unabhängigen Kinos“.
Gedreht wird vom 26. September bis 3. Oktober 1934 in den Hunnia-Ateliers in Budapest. Regie führt zunächst der tschechische Nichtjude Carl Lamac. Möglicherweise auf deutschen Druck wird er nach wenigen Tagen von Hermann Kosterlitz abgelöst, der im amerikanischen Exil als Henry Koster einer der erfolgreichsten Regisseure werden wird.
Es ist dem hochprofessionellen Team und vor allem Franziska Gaal zu verdanken, dass aus dem kleinen Film „Peter“ ein internationaler Triumph wird. Auf der Internationalen Filmkunstausstellung in Moskau 1935 wird er zur besten Filmkomödie des Jahres gekürt. Never change a winning team! Es entstehen zwei weitere Gaal-Filme, die „Peter“ in Qualität und Originalität das Wasser reichen können: „Kleine Mutti“ (1935) und „Katharina die Letzte“ (1936).
Franziska Gaal erregt das Interesse der amerikanischen Filmfirma Paramount und wird engagiert. In Hollywood wird sie allerdings völlig falsch eingesetzt. Bis 1941 spielt sie erfolglos in einigen wenigen amerikanischen Filmen und kehrt anschließend nach Ungarn zurück, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern. Bis zum Kriegsende lebt sie in der Illegalität und findet in den späten 1940er-Jahren keinen Anschluss mehr an die Filmindustrie.
Unentdeckt überstehen auch ihr Kollege Hermann Krehan und der Schnittmeister Viktor Gertler die braunen Jahre. In die Emigration gehen die Darsteller Hans Jaray, Felix Bressart und Imre Raday, ebenso der Produzent Joe Pasternak, der Regisseur Hermann Kosterlitz, der Autor Felix Joachimson, der Komponist Nikolaus Brodsky, der Textdichter Fritz Rotter und der Kostümbildner Tihamer Varady. Otto Wallburg hingegen wird 1944 in Amsterdam verhaftet und stirbt im Oktober desselben Jahres im KZ Auschwitz, ebenso wie der Tonmeister Gerhard Goldbaum. Einige Quellen geben Fritz Grünbaum als Darsteller an. Entweder ist diese Angabe nicht korrekt, oder seine Rolle fiel dem Schnitt zum Opfer. Grünbaum starb 1941 im KZ Dachau.
„Peter“ ist ein Paradebeispiel dafür, was der deutsche Film ohne die Nationalsozialisten zu leisten imstande gewesen wäre. Die Beteiligten waren, mit wenigen Ausnahmen, bereits vor 1933 im deutschen Kino tätig. Das vielgerühmte „Weimarer Kino“ fand im „unabhängigen, deutschsprachigen Kino“ für einige wenige Jahre seine Fortsetzung.
Besonders deutlich wird, wie „Peter“ an einen deutschen Erfolgsfilm des Vorjahres anzuknüpfen versucht: an das Cross-Dressing-Musical „Viktor und Viktoria“. Doch es gibt entscheidende Unterschiede. Beide Filme exponieren ihre Figuren zunächst als bedauernswerte Underdogs. Auch der Rollenwechsel von Viktoria zu Viktor erfolgt aus sozialer Not. In der Folge aber wird daraus eine Fabel über gesellschaftlichen Aufstieg. „Peter“ verfährt anders: Das Liebespaar wird kein bisschen erfolgreich – und ist trotzdem glücklich. Hier geht es um Solidarität und nicht um Erfolg. Auffällig ist zudem, dass „Viktor und Viktoria“ keinen Moment Zweifel an der Weiblichkeit seiner Hauptfigur lässt. Es bleibt Renate Müller – zwar mit kurzem Haarschnitt und im Frack, aber stets Renate Müller. Peter beziehungsweise Eva ist dagegen von Beginn bis zum Schluss Spitzbube beziehungsweise Spitzmädchen. Für das Publikum werden keine erwartbaren Witze aus dem erzwungenen „Geschlechterwechsel“ abgeleitet. Dass das gelingt, ist einerseits dem wirklich brillanten Drehbuch zu verdanken, vor allem aber Franziska Gaal, die die Jungenrolle mit einer umwerfenden Selbstverständlichkeit spielt.
Die Gaal war ein echtes Filmwunder mit einer erzwungenermaßen sehr kurzen Karriere – und sie ist völlig zu Recht der Superstar des unabhängigen Kinos. In der Emigration entstehen Filme mit namhaften, vertriebenen jüdischen Künstlerinnen und Künstlern wie der hinreißenden Gitta Alpar oder Joseph Schmidt, dem Tenor mit der atemberaubenden Stimme. Doch an Franziska Gaals Leinwandpräsenz reichen sie nicht heran.
Was macht „Peter“ zu einem queeren Film? Das muss natürlich jeder selbst entscheiden. Einerseits ist er eine echte Komödie mit Chaplin-Qualitäten und kein Hochglanz-Schwank wie „Viktor und Viktoria“. Andererseits wirkt er fast wie der verzweifelte Versuch der zahllosen an seiner Entstehung beteiligten und aus Deutschland vertriebenen jüdischen Filmschaffenden, ein Zeichen zu setzen – ein künstlerisches und ein politisches. Vielleicht ist der Film aus heutiger Wahrnehmung an sich nicht als „queer“ zu bezeichnen. Die Umstände seiner Produktion aber waren in höchstem Maße politisch geprägt. Das Thema „Geschlechtertausch“ ist hier zwar Mittel zum Zweck, doch Franziska Gaal verleiht ihm eine unvergleichliche Dimension.
Natürlich ist „Peter“ nur eine Fußnote in der Weltfilmgeschichte. Umso wichtiger ist er für die österreichische Filmgeschichte. Das Filmarchiv Austria in Wien kümmert sich dankenswerterweise rührend um die „unabhängigen Filme“. Vor etwa 25 Jahren initiierte es eine große Repatriierungsaktion, denn viele Filme schienen gar nicht mehr vorhanden zu sein, zumindest nicht in den Archiven des deutschsprachigen Raums. Es gelang, fast alle Filme in den Filmarchiven der Welt ausfindig zu machen. Glücklicherweise war die Überlieferungssituation von „Peter“ nicht problematisch, denn der Film kam fast 20 Jahre nach seiner Premiere doch noch in die deutschen Kinos, unter dem Titel „Peter, das Mädchen von der Tankstelle“ in der DDR. Später lief er häufig im Programm des DDR-Studiokinos „Camera“ und gelegentlich im DDR- Fernsehen.
Guido Altendorf ist im Mitarbeiterstab des Filmmuseum Potsdam als Kurator der Ausstellungen tätig.
Gezeigt und vorgetragen im Rahmen des 2. Filmerbefestivals "Als QUEER schwarz-weiß war" 2025 im Filmmuseum Potsdam
Mit freundlicher Unterstützung durch den QueerScope e.V.
Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Eine Kooperation zwischen Filmmuseum Potsdam und Katte e. V.
Medienpartner: Das Stummfilm-Magazin, gayBrandenburg.de
