Die schwule Kartoffel

voltair website 2friedrich 2 website

von Frieda Baumgart, 30.06.2026

Potsdams berühmt-berüchtigter Kartoffelkönig Friedrich II., geboren in Berlin am 24. Januar 1712 und gestorben am 17. August 1786 in Potsdam, war schwul. Dieser Satz fällt einigen Autoren erstaunlich schwer in ihre Artikel aufzunehmen und so wie er ist zu akzeptieren. Wieso? Und wieso weiß der Großteil aller Potsdamer nichts über die offensichtliche Sexualität ihres alten Fritz?

Fritz wächst auf
Friedrich erlitt eine harte Kindheit mit 13 Geschwistern, seine beiden großen Brüder starben früh - über blieb der kleine Fritz. Durch den Tod seiner großen Geschwister fiel alle Aufmerksamkeit und die Thronfolge auf ihn. Somit auch die Maßregelung seines Vaters Friedrich Wilhelm I. Dieser schlug ihn nicht nur, was damals vollkommen normal als "Züchtigung" der Kinder galt, öffentliche Demütigungen standen ebenfalls des Öfteren an für Friedrich, sowie der stets soldatische und harte Umgangston im Hause Preußen.

Grund hierfür war u. a. das auffällig feminine Verhalten Friedrichs, der sich für Kunst, Literatur und Musik interessierte und auch eine hohe Intelligenz in diesen Bereichen aufwies. Friedrich Wilhelm bezeichnete den Thronfolger außerdem nicht nur als „effeminiert" (verweichlicht oder verweiblicht), sondern auch als „Sodomiten“. Der Begriff wurde früher oft als abwertende Bezeichnung für Homosexuelle verwendet, da er sonst als Bezeichnung für Personen, die Geschlechtsverkehr mit Tieren haben, dient.

Homosexuelle mussten zu Friedrichs Zeit die Todesstrafe fürchten. Vor seiner Thronbesteigung um 1730 kam es zu so einem Fall. Ein Andreas Lepsch wurde in Potsdam bei lebendigem Leibe verbrannt - König Friedrich Wilhelm bezahlte die Hinrichtung. 

 

Das Trauma
Mit 18 Jahren will Friedrich ins tolerantere England flüchten. Und dies plante er mit seinen Freunden Peter Karl Christoph von Keith und Hans Hermann von Katte. Friedrich und Kattes Beziehung wird von vielen Forschern als platonische oder heimlich gelebte homosexuelle Liebe gedeutet.

Die Flucht fliegt auf, weil Friedrichs Briefe an Katte abgefangen wurden und die Strafe ist für Friedrich härter als der eigene Tod. Er wird gezwungen bei der Enthauptung Kattes zuzuschauen und erleidet hierbei einen Schwächeanfall. Dieses Ereignis traumatisierte den König stark. Er litt später unter depressiven Phasen, ließ wenige Menschen emotional eine Beziehung mit ihm aufbauen und es wird von immer wiederkehrender Todessehnsucht berichtet. Dieses Leid verarbeitete er oft in seiner Musik und Poesie.

Es folgte eine Zwangsheirat mit Elisabeth-Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern, mit der er zwar ein paar Jahre nebeneinander in Rheinsberg wohnte. Doch Friedrich spielte nur Ehemann. Denn nach dem Tod seines Vaters verließ er seine Gemahlin (physisch) und zog weg. Madame seien "korpulenter" geworden, teilte er Elisabeth Christine kühl mit, nachdem sie sich sechs Jahre nicht gesehen hatten. Sanssouci durfte sie nie betreten. 

Auf seinem Hof sind keine Frauen mehr erwünscht. Er weist auch eine stark frauenfeindliche Meinung auf. Allerdings gab es Ausnahmen. Mit seinen Schwestern oder mit Sophie Gräfin Camas, die er zeitweise "Mutter" nannte und noch aus der Zeit als Kronprinz kannte, verbrachte er gerne Zeit. 

 

"Homosexualität"
Friedrich hatte kein richtiges Coming-out, wie wir es heutzutage kennen. Seine Sexualität wird als "offenes Geheimnis" am Hof beschrieben und Friedrich leugnete diese auch nie, gab sie jedoch auch nie klar zu. Es gibt allerdings eine Art Statement Friedrichs zu den Gerüchten, die über die Jahre auch international im Diskurs waren.

„Was dieses verleumderische Büchlein angeht, worüber Sie mir berichten, dass Manuskripte davon in England in Umlauf sind, sage ich Ihnen, dass Sie sich damit nicht abgeben sollen, und Sie sollen sich weder offenbaren noch ein Wort darüber verlieren. 

[…] Außerdem kümmere ich mich nicht darum, was Besessene über meine Person schreiben, solange das Wohl meines Staates nicht darunter leidet.“  

Er wollte nicht festgelegt werden. Damals gab es auch keine Begriffe, wie homo-, bi- oder transsexuell. Homosexualität in Friedrichs Falle galt als "den Männern zugeneigt".

Eigentlich ist der Fall ja ziemlich eindeutig. Man muss nur die Augen aufmachen. Und eins und eins zusammenzählen können. Oder besser gesagt: Man muss es wollen., schreibt Tilman Krause in der Welt. Und so ist es tatsächlich, denn Friedrichs engste Vertrauten basierten bis auf seine ältere Schwester Wilhelmine nur auf das männliche Geschlecht. Einem Neffen rät Friedrich einst, passiven Analverkehr zu meiden; er wisse aus persönlicher Erfahrung, dass dies wenig angenehm sei.

 

Friedrichs männliche Kontakte
Hinzu zu Hans Hermann von Katte, Friedrichs engster Jugend"freund", kamen einige männliche Favoriten über die Jahre hinzu. Es wird berichtet; wenn ihm bei Musterungen oder Revuen besonders attraktive Männer auffielen, nahm er sie gern und in hoher Zahl in seinen persönlichen Dienst. Sie waren ihm fortan unterworfen. Ihnen war jeder Kontakt mit Damen am Hofe verboten, es folge die Strafe der Verbannung.

Über lange Jahre hinweg wurden einige in Friedrichs Umgebung natürlich einflussreich und wohlhabend, allerdings andere nach Fehlleistungen das Gegenteil.

Einer von ihnen war Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorf: ein ehemaliger Heeresmusiker, der in den persönlichen Dienst des Königs trat und zu dessen Kammerdiener aufstieg. Zwischen Friedrich und ihm entwickelte sich eine tiefe, über viele Jahre gepflegte Zuneigung.  "Le grand factotum du roi Frédéric", nannte ihn der französische Philosoph Voltaire, Fredersdorf war Friedrichs "Mädchen für alles". Der Diener sei, so gestand der König seinem Bruder August Wilhelm vor einer Schlacht, einer der sechs Menschen, die er "am meisten geliebt" habe.  

Voltaire schrieb nicht nur in Fredersdorfs Fall über Friedrich. Sie beide hatten eine jahrzehntelange Brieffreundschaft, die circa 600 Briefe umfasst. Eine Freundschaft mit den höchsten Höhen und tiefsten Tiefen, wie man einerseits an vielen Streits und andererseits den Gesprächen über Geschlechtsverkehr in ihrem öffentlichen Briefwechsel lesen kann.

Voltaire bietet die meisten Hinweise auf die Sexualität Friedrichs, da er nach dem Bruch ihrer "Freundschaft" anfing, in Briefen öffentlich auf Friedrichs Neigung zu Männern anzuspielen.
Ein Beispiel sind die Morgenrituale Friedrichs laut ihm:

"Er ließ zwei oder drei Favoriten kommen, Leutnants aus seinem Regiment oder Pagen, Heiducken oder junge Kadetten. Man trank Kaffee. Derjenige, der das Taschentuch zugeworfen bekam, blieb eine halbe Viertelstunde mit dem König allein." 


Außerdem erfand Voltaire in Inspiration auf das französische Wort für Arsch, "cul", den Spottnamen "Luc" für Friedrich. Man findet diesen zahlreich in Voltaires Aufzeichnungen.

Nennenswert ist auch der General Friedrich Rudolf von Rothenburg, der so oft im Schloss Sanssouci zu Gast war, dass eins der Gästezimmer nach ihm benannt wurde - das sogenannte Rothenburg-Zimmer. Der König schätzte ihn so sehr, dass er Rothenburg nach seinem Tod in Berlin persönlich betrauerte.

Auch Friedrichs jüngerer Bruder Prinz Heinrich war schwul, jedoch lebte dieser seine Homosexualität deutlich offener aus. Er teilte das Schicksal einer Zwangsheirat, von der er sich bald ebenfalls, jedoch vollkommen, trennte, brach sogar jeden Kontakt mit ihr ab und wurde vom preußischen Königshof ausgegrenzt. Die beiden Brüder hatten trotz all diesen Gemeinsamkeiten ein eher spöttisches Verhältnis. Sie stritten sich bekanntlich das ein oder andere Mal um ihre Geliebten und Friedrich war nachweislich oft bösartig eifersüchtig, wenn sein Bruder die Aufmerksamkeit des männlichen Geschlechts auf sich zog. Mehr als er selbst.

Eine Anekdote erzählt, dass Friedrich II. in einem Tempel seines Bruders die letzten beiden Buchstaben der Inschrift "testimonium grati animi" entfernt haben soll und so aus einem "Zeugnis einer dankbaren Seele" ein "Zeugnis eines dankbaren Arsches" gemacht haben.


Umgang und Bedeutung der Sexualität des Königs
Ist Friedrich wirklich schwul? Bis heute hat man das Gefühl, es scheuen sich viele Geschichtswissenschaftler, die Neigung Friedrichs zu Männern zu thematisieren, denn eine gewisse Empörung ist vielen Autoren definitiv anzumerken. Als ob ein schwuler Herrscher in der deutschen Geschichte eine Schande wäre, als ob die Homosexualität Friedrichs seine historische Relevanz beeinträchtigen würde.

Es gab und gibt die große Heerschar der Historiker und Friedrich-Verehrer, die nicht wahrhaben wollen, dass ihr Idol schwul war. Meist wird geschrieben, es gäbe keine festen Beweise für seine Homosexualität. Was sie brauchen ist ein Schriftstück von Friedrich selbst, das sagt "Ich liebe nur Männer." oder "Ich habe nur Sex mit Männern." Dieses gibt es nicht.

Friedrichs Sexualität ist insofern bedeutend, als wie er mit ihr umging. Er verneinte sie nie und dennoch übernehmen das die queerfeindlichen "Experten" für ihn heutzutage. Er lehnte sich gegen das Patriarchat, indem er seinem Vater so gut es ging trotzig entgegen wirkte und musste einen hohen Preis dafür zahlen.

Zu oft ist die Lage nach all den Jahren voller Kampf um Akzeptanz und einfachen Respekt der queeren Szene nicht viel besser. Menschen werden täglich aufgrund ihrer Liebe von ihren Familien abgelehnt, erfahren Gewalt oder sogar den Tod. Und das ist nichts neues.

Besonders im Aspekt der Historie merkt man immer wieder, dass wir dieser Akzeptanz der Sexualitäten weit entfernt sind, wenn selbst in Friedrichs Fall so exzessiv geleugnet wird.

Drucken